Dicke Wolle – Gute Wolle?

von urbanfeinestruempfe

Dicke Wolle – Gute Wolle?

 

Über Ebay bekam ich eine Anfrage ob meine Socken aus 4-ply Baumwolle dick wären, was gesucht war.
In meinem Laden machte ich die Erfahrung, dass die Leute dicke Strümpfe mit guter Qualität verknüpfen.

Je dicker desto besser!?

Leider ein ganz großer Irrtum, der auf Assoziationen beruht, gewachsen seit der Kindheit und Omas warmen selbst
gestrickten Pullovern und Strümpfen, aber nie ernsthaft darüber nachgedacht.

Um einen dicken Pullover zu stricken kann man entweder eine dicke Wolle benutzen, also ein dickes einfädiges Garn,
oder ein ebenfalls dickes Garn, das aber aus vielen einzelnen dünnen Fäden verzwirnt wurde, ein mehrfädiges Garn:
das sind dann z.B. die berühmt-berüchtigten und sehr teuren 4-ply oder 8-ply Cashmerepullover.

Aus den Fasern wird (zuerst) der Faden gesponnen, gleich um welche Fasern es sich handelt.
Wird dieser Faden so verwoben oder gestrickt, dann wird der Faden auch (einfädiges) Garn genannt.
2 oder mehr Fäden werden zu einem Garn verdreht/verdrillt/verzwirnt – diese mehrfädigen Garne nennt man
deshalb auch Zwirn(e).

Ein dickes Garn kann also einfädig = 1-ply sein: das sind die einfachen und recht billigen Garne
oder
mehrfädig, also 2-ply, 3-ply, 4-ply, 8-ply oder ganz dick als 12-ply Garn, von mir aus auch gerne Wolle genannt.

Und nun betrachten wir das Ganze anders herum.
Wenn ich zum Beispiel 4 Fäden à NM 500 – also die feinsten Fäden überhaupt – zu einem 4-ply Garn verzwirne (verdrehe),
dann erhält man ein immer noch sehr, sehr feines Garn von NM 125.
1 Gramm davon ist immerhin 125 m lang – stellen Sie sich solch ein Federgewicht einmal auf Ihrer Hand vor und
führen Sie sich bitte vor Augen wie lang das Garn immerhin ist – 125 m!
Zweites Beispiel:
Man verzwirnt 8 Fäden à NM 380 zu einem Garn, dann hat es immer noch die Feinheit von NM 47.5,
1 Gr. ist also immer noch 47,50 m lang.

Je feiner die Fäden desto feiner das finale Garn.

Sie haben doch sicher schon einmal ein Paket mit einer (Paket-) Schnur umwickelt?
Auch schon mal ein Seil (Abschleppseil) oder gar ein Segeltau in der Hand gehabt?
Nun, dann wissen Sie sicherlich, das diese Taue aus mehreren einzelnen Seilen bestehen, die miteinander verdreht wurden,
um eine hohe Zugfestigkeit zu erhalten.
Würden man ein solches dickes Tau aufsplissen, so hätte man zum Schluss die einzelnen Fäden als Ausgangs-
material vor sich liegen.
Dasselbe Prinzip gilt für Wolle, Fäden und Garne – je mehr Fäden miteinander verdreht (= verzwirnt) wurden,
desto stabiler ist das Garn oder die Wolle.
Je dünner die verwandten Fasern desto dünner das Tau bei gleicher Festigkeit, je dünner das Garn bzw. die Wolle.

Man kann aber auch den einfachen Weg beschreiten und die Baumwoll- oder Cashmerefasern nur auf eine Feinheit
von NM 47.5 ausspinnen – dann hätte man ohne viel Zwirnerei, einem zusätzlichen Arbeitsgang, ebenfalls ein in etwa
gleich dickes Garn. Das wäre zudem noch viel billiger.

Natürlich ist ein mehrfädiges Garn, also 2-ply und höher, qualitativ weit besser also ein einfaches Garn/Faden,
aber auch teurer, sogar wesentlich teurer!
Die Kunst besteht beispielsweise bei Cashmere darin, das Vlies (Unterhaar) von allen Deckhaaren (Grannen)
zu befreien und danach zu einem sehr feinen Faden auszuspinnen.
Bei Baumwolle benötigt man dafür dünne und langfaserige Baumwollfasern wie z.B. GIZA 45 oder West Indian
Sea Island Cotton mit einer Faserlänge bis zu 52/55 mm.

Wenn man also nun in einem Geschäft steht und sich für Stricksachen, Schals oder Strümpfe interessiert,
dann muss man nachfragen aus welcher Wolle, Baumwolle, Merino, Cashmere usw. die Sachen gestrickt sind
und wievielfädig das Garn ist.

Ein dicker Winterpullover aus dicker, einfädiger Wolle sollte weit billiger sein als einer aus 8-ply Wolle (Garn).
Qualitativ besser ist grundsätzlich der Pullover aus mehrfädigem Garn (2-ply, 4-ply, 8-ply etc.).

Ein superdünner Faden wie der o.g. genannte NM 500 ergibt auch als 8-ply immer noch ein sehr dünnes Garn,
vergleichbar [hier naiv betrachtet zwecks leichterer Erklärung!] mit einem
NM 250 als 4-ply oder
NM 125 als 2-ply oder
NM 62.5 als 1-ply Faden

Daraus folgt:

  1. In einem Geschäft kann man – ohne die ply-Zahl bzw. Fädigkeit zu kennen – anhand der Wolldicke
    nicht die Garnqualität feststellen.
  2. Bei gleicher Garn-/Wolldicke ist das multi-ply oder mehrfädige Garn immer das weit höherwertige!
  3. Ein dünner Pullover, Weste oder Strumpf weil aus feinerem Garn gestrickt ist höherwertiger als
    ein dicker Pullover aus einem dicken Garn:
    trägt sich leichter, scheuert weniger schnell durch, neigt weit weniger zum Pilling (Wollmäuschen) und
    hält sogar viel länger!
  4. Auch ein dünner(er) Pullover kann sehr warmhalten, da es auf das verstricke Garn, die Wolle also,
    und dabei auf die Feinheit des Fadens ankommt: je höher die NM-Zahl desto feiner der Faden und das Garn.
    Man vergleiche: Seide – Baumwolle – Cashmere – Merino – Alpaca – Guanaco – Vicuna
    Wenn der Haarkanal der Fasern hohl ist wie bei Alpaca, Guanaco und Vicuna, dann isoliert die daraus gesponnene
    Wolle umso besser bei gleicher Faser- oder Garnstärke (-dicke).
  5. Im Sommer dagegen gilt grundsätzlich: je dünner das Garn desto weniger schwitzt man.
  6. Die Haltbarkeit von Strick und Strümpfen wird nicht durch eine dicke Wolle garantiert sondern
    ausschließlich durch eine hohe Garnqualität, also durch dünnes & mehrfädiges Garn!
    -> vergleiche Segeltaue.
    Ausnahme: Beimischung von Kunststoffen – na ja, wer’s mag.
  7. Je dicker der Faden desto einfacher ist er herzustellen und daher auch desto billiger,
    je dünner und feiner das Garn bzw. die Fäden, aus denen es gezwirnt wurde, desto aufwendiger die Rohstoff-
    beschaffung und auch das Spinnen – desto teuerer im Preis und desto hochwertiger!
Dick <> Qualität!
Ausnahmen wie mehrfädiges Garn bestätigen diese Regel!
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